7. Landau-Symbolik
Voraussetzung: 04 Grenzwert und Konvergenz von Folgen (fast alle , Grenzwerte, ), 05 Monotonie und Beschränktheit (beschränkte Folgen)
Worum geht es?
Landau-Symbole beschreiben, wie schnell eine Folge wächst, ohne sich um Vorfaktoren und kleine zu kümmern. In der Informatik ist das die Sprache der Laufzeitanalyse: „Der Algorithmus ist .“
7.1 Anwendungsbereiche
- Laufzeitanalyse von Algorithmen: = Anzahl der Rechenschritte bei Eingabe der Größe , also .
- Asymptotisches Verhalten von Folgen , d.h. das Verhalten für .
7.2 Einleitende Beispiele
Wachstumsvergleich (26.10.):
Was ist „wichtig“? (29.10.): Für das Wachstum zählt nur der -Anteil: und wachsen langsamer und werden für große bedeutungslos, die Vorfaktoren ändern nur die Konstante.
Zentrale Einsicht
ist für kleine größer als . Ab dreht sich das um, und das zählt. Wie beim Grenzwert interessiert nur, was für fast alle passiert (alle bis auf endlich viele).
7.3 Die Groß-O-Notation
Definition:
Für eine Folge definiert man die Klasse Das sind alle Folgen, die sich (ab einem , bis auf einen konstanten Faktor ) durch nach oben beschränken lassen.
Bild dazu: Ab liegt immer unter der hochskalierten Kurve . Vor darf machen, was es will. (Skizze: Mitschrift S. 1)
Schreibweise
Statt schreibt man auch gelesen: „ ist groß O von “.
Fallstrick: Das „=“ ist keine Gleichheit
heißt . Es ist nicht symmetrisch: stimmt, aber ist falsch. Lies „“ immer als „ist in“.
7.4 Kriterien über Grenzwerte (K1, K2)
Statt mit und zu hantieren, prüft man meist den Grenzwert des Quotienten:
K1
Ist , dann ist .
K2
Ist , dann ist .
Beweis von K1: Aus folgt . Nach Grenzwertdefinition gilt also (Man kann z.B. nehmen, dann ist .) ∎
Beweis von K2:
- Vor.: , also , d.h. .
- Beh.: .
- Bew.: Zu zeigen ist die Negation der Definition: . Sei und beliebig. Wähle in der Voraussetzung . Dann gilt ab einem für alle : , also . Insbesondere gibt es so ein (nimm ). ∎
Wie man die Negation bildet
Die Definition hat die Form . Mit dem großen De Morgan (siehe GDS: Quantoren) wird daraus . Genau das steht in „Bew. z.z.“.
Ergänzung (nicht aus der Mitschrift)
- Für die Kriterien braucht man für fast alle , sonst ist der Quotient nicht definiert.
- K1 geht nur in eine Richtung: Es gibt , bei denen der Grenzwert gar nicht existiert, z.B. und . Der Quotient springt zwischen 1 und 3 hin und her, trotzdem ist .
7.5 Beispiele
| Aussage | Begründung | |
|---|---|---|
| a) | → K1 | |
| b) | → K1 | |
| c) | → K1 | |
| d) | → K2 |
a) und b) zusammen zeigen: und wachsen „gleich schnell“. Das wird später heißen (7.9).
e) = beschränkte Folgen:
Warum darf man in e) das einfach weglassen?
Vor gibt es nur endlich viele Folgenglieder . Nimm , dann gilt für alle . Derselbe Trick wie beim Beweis „konvergent ⟹ beschränkt“ in 05 Monotonie und Beschränktheit.
7.6 Rechenregeln (R1–R4)
Rechenregeln
- R1: Ist und , dann
- R2: (Konstanten fallen weg)
- R3: Ist und , dann ist (Transitivität)
- R4:
Beweis zu R3: Für gelten beide Ungleichungen gleichzeitig, also
Warum ?
Jede Aussage gilt erst „ab ihrem“ . Beide zusammen gelten erst ab dem späteren der beiden. Der Trick kommt in fast jedem Beweis mit „für fast alle “ vor.
Beispiel zu den Regeln: Mit und :
Abweichung zur Mitschrift
In der Mitschrift steht im ersten Schritt . Zu und zum nächsten Schritt passt aber nur . Mit käme heraus, das Endergebnis bliebe trotzdem gleich.
Achtung: Inklusion, keine Gleichheit
Ist , so ist auch , denn . Es gilt aber nicht , denn : . ist eine obere Schranke. Eine zu großzügige obere Schranke ist nicht falsch, nur wenig aussagekräftig.
7.7 Typische Laufzeitklassen
| Laufzeit | ||
|---|---|---|
| konstant | 🙂 | |
| logarithmisch () | ||
| linear | ||
| überlinear | ||
| quadratisch | ||
| polynomial | ||
| exponentiell | ☹️ |
Die Basis des Logarithmus ist egal
Logarithmen zu verschiedenen Basen unterscheiden sich nur um einen konstanten Faktor, und Konstanten fallen nach R2 weg. Deshalb schreibt man meist nur .
Hierarchie: ( fehlt an der Tafel, hier ergänzt. steht für ein festes , die Vereinigung über alle ist „alles Polynomielle“.)
Bezug zu 7.2
Das ist genau die Reihenfolge vom 26.10., jetzt als Mengen-Inklusion formuliert.
7.8 Weitere Landau-Symbole
Definitionen
Symbol Definition Name Bedeutung Groß-Omega wächst mindestens so schnell wie (untere Schranke) Groß-Theta wächst genau so schnell wie (bis auf Konstanten) Klein-o wächst echt langsamer als Klein-Omega wächst echt schneller als „Schlange“ und sind asymptotisch gleich
Bemerkung: Statt , usw. schreibt man wieder , (mit demselben Fallstrick wie bei ).
Merkhilfe: Vergleich mit Zahlen
Landau wie bei Zahlen „Groß“ = mit Gleichheit, „klein“ = echt. Die Analogie ist nicht perfekt (siehe 7.11), hilft aber beim Einordnen.
7.9 Kriterien K3–K5
K3 und K4
- K3:
- K4: und
K3 ist einfach die Definition von , K4 die von als Schnitt.
K5: Das Grenzwert-Kriterium für alles
dann gilt , , , , (endlich) , , , , , , ,
So benutzt man K5
Quotient bilden → Grenzwert ausrechnen (mit den Regeln aus 04 Grenzwert und Konvergenz von Folgen) → Zeile ablesen. Für fast jede Aufgabe „Zeige “ ist das der schnellste Weg.
7.10 Beispiel: Polynome
Satz
Ist ein Polynom vom Grad , d.h. mit , so gilt d.h. und . Insbesondere ist .
Beweis:
Praktisch heißt das
Bei Polynomen zählt nur die höchste Potenz. Vorfaktoren und alle kleineren Potenzen fallen weg. Beispiele a) und b) aus 7.5 sind genau dieser Satz für .
7.11 Regeln K6, K7
Regeln
- K6:
- K7:
Begründung: Bei K6 ist der Grenzwert , also greift K1. Bei K7 ist der Grenzwert , also greift die mittlere Zeile von K5.
Denkaufgabe aus der Vorlesung: Wie liegen die Mengen zueinander? (erst selbst überlegen!)
Der Prof hat ein Mengendiagramm gezeichnet (alle Folgen , darin , , , , , siehe Mitschrift S. 4) und gefragt, ob in den Lücken „noch was liegt“.
Was man sicher weiß:
- (K6) und (analog)
- ist die Schnittmenge
- und
Die Fragen dazu:
Gibt es ein , das weder in noch in liegt?
Gibt es ein , das weder in noch in liegt?
Lösung ja. Der Trick ist, dass der Quotient keinen Grenzwert haben muss. Dann greift K5 nicht. Mit :
Beide Male
- : Es gilt , also . Aber (die ungeraden Glieder bleiben bei 1), also nicht . Und nicht , weil der Quotient auf geraden immer 1 ist.
- : Auf den geraden ist nicht durch beschränkt (also ), auf den ungeraden ist nicht durch beschränkt (also ).
Deshalb hinkt die Merkhilfe „wie bei Zahlen“: Zwei Zahlen sind immer vergleichbar, zwei Folgen nicht.
7.12 Stirlingsche Formel
Stirlingsche Formel
a)
b)
a) sagt: Der Quotient aus und geht gegen 1, also sind beide asymptotisch gleich. b) ist die genauere Version und sagt, wie schnell dieser Quotient gegen 1 geht. Hier taucht innerhalb eines Ausdrucks auf: „“ heißt „plus irgendeine Folge, die höchstens so groß wie ist“.
Ergänzung (nicht aus der Mitschrift)
Damit sieht man auch, warum in der Hierarchie (7.7) gilt: verhält sich wie (mal ). Das wächst schneller als jedes feste , aber um den Faktor langsamer als .
Selbsttest
- Zeige mit K5: .
- Ist ? Ist ? (Tipp: Quotient bilden.)
- Warum ist ?