4. Grenzwert und Konvergenz von Folgen
Voraussetzung: 02 Folgen - Grundlagen (Folgenbegriff)
4.1 Limesschreibweise
Sprechweisen:
- “Limes von für gegen unendlich ist gleich ”
- “Folge konvergiert für gegen gegen “
4.2 Approximation einer Zahl
Bevor der Grenzwert formal definiert wird, braucht man den Begriff der Näherung.
-Näherung
Definition
heißt -Näherung von , falls .
- = absoluter Fehler der Näherung bezüglich
- = Fehlerschranke
Beispiel:
- lässt sich nicht exakt angeben (da irrational ist)
- aber man kann zeigen:
Umformung der Betragsungleichung
Definition: -Umgebung
genannt die -Umgebung von .
Damit gilt:
Idee des Grenzwerts
bedeutet anschaulich:

Für großes wird der absolute Fehler beliebig klein:
- Für jede Fehlerschranke gilt
- für fast alle (d.h. für alle bis auf höchstens endlich viele Ausnahmen)
Das heißt: Es gibt einen Index , sodass für alle gilt .

Zentrale Intuition
Der Index darf von abhängen — je kleiner die gewünschte Fehlerschranke , desto größer wird typischerweise ausfallen müssen. Das ist der Kern der sogenannten “--Definition” des Grenzwerts.
4.3 Formale Definition
Sei eine Folge, .
Endlicher Grenzwert
Uneigentlicher Grenzwert ()
( steht hier für eine beliebig vorgegebene Schranke.)
4.4 Sprechweisen
Eine Folge heißt:
- konvergent: falls einen endlichen Grenzwert hat
- divergent: falls keinen endlichen Grenzwert hat
- bestimmt divergent: falls der Grenzwert ist
- unbestimmt divergent: falls überhaupt keinen Grenzwert hat (auch nicht )
Nullfolge
Eine Folge mit Grenzwert .
4.5 Ausführliches Beispiel: Grenzwert explizit nachweisen
Sei die Folge mit , .
Behauptung:
Zu zeigen:
Beweis:
Die Gleichung lässt sich wegen nicht direkt nach auflösen. Trick: abschätzen statt exakt auflösen, denn für alle :
Und (für ).
Wähle also:
Damit gilt: , also .
Damit ist bewiesen. ∎
Konkretes Zahlenbeispiel: . Ab dem 11. Folgenglied gilt also .
Beweisstrategie-Merksatz
Wenn sich nicht direkt nach auflösen lässt (z.B. wegen , o.ä.), schätze nach oben durch einen einfacheren Ausdruck ab, der sich auflösen lässt (hier: ). Das ist die Standardtechnik für die meisten --Beweise.
4.6 Grenzwertregeln
Seien Folgen über und .
G1 — Folgenänderung an endlich vielen Stellen
Ändert man nur endlich viele Anfangsglieder einer Folge, bleibt der Grenzwert unverändert.
G2 — Teilfolgen
Regel
Hat den Grenzwert , dann hat jede Teilfolge von ebenfalls den Grenzwert .
Typische Teilfolgen:
- , also für (gerade Indizes)
- , also für (ab einem Index)
Anwendungsbeispiel (Divergenzbeweis über widersprüchliche Teilfolgen):
Die Teilfolgen und haben unterschiedliche Grenzwerte hat keinen Grenzwert (ist divergent).
Wichtige Beweistechnik
G2 liefert eine Standardmethode, um Divergenz zu zeigen: Findet man zwei Teilfolgen mit unterschiedlichen Grenzwerten, kann die Gesamtfolge nicht konvergieren.
G3 — Grenzwertübergang bei Ungleichungen
Monotonie des Grenzwerts:
Sandwich-Prinzip (Einschnürungssatz)
Beispiel:
Da und , folgt mit dem Sandwich-Prinzip:
Wann benutzt man das Sandwich-Prinzip?
Immer dann, wenn sich eine Folge nicht direkt auswerten lässt (z.B. wegen , ), aber man sie zwischen zwei einfacheren Folgen mit demselben Grenzwert “einklemmen” kann.
G4 — Fehlerfolge
Dies folgt direkt aus der Definition des Grenzwerts — die Konvergenz von gegen ist äquivalent dazu, dass der Fehler (Abstand) eine Nullfolge ist.
G5 — Nullfolgen und Kehrwert
Beweis der ersten Regel:
Voraussetzung: , d.h. , und für (also statt , da ohnehin positiv).
Behauptung: , d.h.
Beweis: Sei eine beliebige Schranke (für ist wegen sowieso erfüllt; muss man ausschließen, sonst wäre nicht definiert). Nach Voraussetzung gilt für : , also (für ). ∎
Merke
Eine Nullfolge mit konstantem Vorzeichen “klappt” beim Kehrwert nach um — das Vorzeichen von bestimmt, in welche Richtung.
4.7 G6 — Rechnen mit Grenzwerten
Gilt und (mit ), so gelten folgende Aussagen:
Stern (*): Fall :
Die 7 unbestimmten Ausdrücke
Merke dir diese 7 Fälle!
In all diesen Fällen lässt sich das Ergebnis nicht pauschal aus den einzelnen Grenzwerten ablesen — es hängt von der konkreten Folge ab (daher die Fragezeichen ”?” in der Tabelle).
Besonderheit: ist als reiner Potenzausdruck eigentlich 1 (Konvention), aber bei Grenzwerten ist trotzdem unbestimmt, weil Basis und Exponent unabhängig und auf unterschiedliche Arten gegen 0 streben können.
4.8 G7 — Grenzwerte von Wurzeln
Sei eine Folge mit für alle .
Regel
Ist , so gilt auch:
Beispiel:
(hier mit , also )