2. Aussageformen und Quantoren
Voraussetzung: 01 Aussagenlogik (Aussagen, Verknüpfungen, Äquivalenz)
2.1 Aussageform
Definition: Aussageform
Eine Aussageform über den Universen ist ein Satz mit Variablen , der bei Einsetzung jedes durch ein Objekt aus zu einer Aussage wird.
Der Unterschied zur Aussage: Eine Aussageform hat selbst noch keinen Wahrheitswert — erst nach Einsetzen konkreter Werte für die Variablen entsteht eine Aussage.
Beispiele:
- ” ist Primzahl” ist eine Aussageform in der Variable über dem Universum der positiven ganzen Zahlen.
- "" ist eine Aussageform mit den Variablen über den Universen .
- Setzt man für einen konkreten Wert ein, z.B. 17, entsteht eine neue Aussageform in der verbleibenden Variable , nämlich "".
Definition: Prädikat
Eine Aussageform in genau einer Variable über einem Universum heißt Prädikat von .
2.2 Quantoren
Sei ein Prädikat über dem Universum .
Allquantor
bedeutet: “Für alle aus ist wahr.”
Wahrheitswert:
Existenzquantor
bedeutet: “Es gibt wenigstens ein aus , für das wahr ist.”
Wahrheitswert:
Sonderfall: leeres Universum
Hat keine Objekte, gilt immer:
- ist wahr (es gibt kein Gegenbeispiel — “leer erfüllt”)
- ist falsch (es gibt kein Objekt, das erfüllen könnte)
Merkhilfe
Der Allquantor ist “optimistisch, solange niemand widerspricht” — ohne Elemente kann niemand widersprechen, also wahr. Der Existenzquantor braucht einen konkreten Zeugen — ohne Elemente gibt es keinen, also falsch.
Schreibweisen
Falls eine Menge ist, schreibt man auch:
Quantoren bei endlichem Universum
Ist endlich mit den Objekten (und keinen weiteren), dann gilt:
Der Allquantor ist also eine “große Konjunktion”, der Existenzquantor eine “große Disjunktion”. Daher gibt es folgende Alternativschreibweisen:
2.3 Schachtelung von Quantoren
Sei eine Aussageform mit zwei Variablen über den Universen .
Man “baut” die Aussage von innen nach außen: Zuerst wird gebunden (bei festem ), das Ergebnis ist eine Aussageform in ; anschließend wird auch gebunden, und man erhält eine vollständige Aussage.
WICHTIG: Reihenfolge verschiedener Quantoren
Verschiedene Quantoren () dürfen nicht vertauscht werden! und bedeuten im Allgemeinen etwas völlig anderes.
Beispiel: Reihenfolge macht den Unterschied
Betrachte "" als Aussageform über .
ist wahr:
Beweis: Sei beliebig. Setze . Dann ist und . q.e.d.
Aussage: “Zu jeder Zahl gibt es eine größere Zahl.” — offensichtlich wahr.
ist falsch:
Beweis (Widerspruch): Annahme: Es gibt ein mit . Dann gilt dies insbesondere für den Fall : . Das ist ein Widerspruch. Also muss die Annahme verworfen werden. q.e.d.
Aussage: “Es gibt eine Zahl, die kleiner ist als jede Zahl (auch kleiner als sich selbst).” — offensichtlich falsch.
Lerneffekt
Dieses Beispiel ist der Klassiker, um den Unterschied zwischen und zu verinnerlichen. Immer first prüfen: Wird die “Zeugen-Wahl” () vor oder nach der Festlegung der anderen Variable getroffen?
2.4 Regeln für Quantoren
Vertauschen gleichartiger Quantoren
Quantoren gleicher Art dürfen beliebig vertauscht werden:
Großes Assoziativgesetz
Sind Prädikate über , so gilt:
Achtung
Das funktioniert nur in dieser Kombination ( mit , mit )! ist nicht äquivalent zu — Gegenbeispiel: = “x ist gerade”, = “x ist ungerade” über den ganzen Zahlen. Links wahr, rechts falsch.
Großer Satz von De Morgan (für Quantoren)
Analog zu De Morgan in der Aussagenlogik (siehe 01 Aussagenlogik):
Merksatz: Negation vertauscht die Quantoren und wandert “nach innen” zum Prädikat.
Ausführliches Beispiel: Negation einer stark geschachtelten Aussage
Negiere:
Schrittweise, immer eine Quantorenebene nach der anderen nach innen schieben (jeweils De Morgan für Quantoren anwenden, Quantorart kippt dabei um):
Im letzten Schritt wird noch die Negation der Implikation aufgelöst (siehe 01 Aussagenlogik, Abschnitt 1.4: ):
Vorgehen bei solchen Aufgaben
- Jeden Quantor beim “Durchschieben” der Negation kippen ().
- Erst wenn alle Quantoren durchgeschoben sind, die innerste aussagenlogische Verknüpfung (hier die Implikation) mit den gewöhnlichen Regeln aus 01 Aussagenlogik negieren.