6. Die Eulersche Zahl

Voraussetzung: 05 Monotonie und Beschränktheit (Konvergenzsatz für monotone, beschränkte Folgen)

6.1 Ausgangspunkt: Zwei Folgen

Betrachte die Folgen und mit

Ziel: Zeige mithilfe von Monotonie und Beschränktheit (siehe 05 Monotonie und Beschränktheit), dass beide Folgen konvergieren — und definiere darüber die Eulersche Zahl .


6.2 Hilfsmittel: Mittelungleichung

Ungleichung vom arithmetischen und geometrischen Mittel

Für aus gilt:

Spezialfall (ein festes , die übrigen Werte alle gleich 1, plus ein weiterer Wert 1 dazu — insgesamt Faktoren und ein Faktor 1, macht Werte): Für festes und :

Dies folgt aus der allgemeinen Mittelungleichung mit und .


6.3 Behauptung: ist monoton wachsend

Beweis: Setze in die Spezialform der Mittelungleichung ein:

Beide Seiten mit potenzieren (erlaubt, da beide Seiten positiv sind):

6.4 Behauptung: ist monoton fallend

Der Beweis läuft ähnlich, ist aber etwas aufwändiger (daher hier nur als Ergebnis festgehalten — Herleitung analog zu 6.3 mit vertauschten Rollen).


6.5 Zusammenhang zwischen und

Also gilt für jedes : (da der Faktor ist).


6.6 Konvergenz beider Folgen

Aus den bisherigen Ergebnissen:

  • ist monoton wachsend
  • ist monoton fallend
  • für alle

Daraus folgt:

  • ist eine obere Schranke für (da , letzteres wegen Monotonie von fallend)
  • ist eine untere Schranke für (analog)

Nach dem Konvergenzsatz für monotone, beschränkte Folgen (siehe 05 Monotonie und Beschränktheit, Abschnitt 5.3) sind damit beide Folgen konvergent.

Definition: Eulersche Zahl

Folgerung: Da und (triviale Nullfolge-Grenzwertrechnung, siehe G6 in 04 Grenzwert und Konvergenz von Folgen):

Beide Folgen konvergieren also gegen denselben Grenzwert .


6.7 Fehlerabschätzung für

Man kann sogar angeben, wie schnell gegen konvergiert:

Da für alle relevanten (grobe Schranken, aus der Beschränktheit):

Da (aus der Monotonie beider Folgen gegen denselben Grenzwert), folgt daraus eine konkrete Fehlerschranke:

Zahlenbeispiel: , und

Tatsächlich: — passt zur beobachteten Abweichung.


6.8 Verallgemeinerung auf beliebige Folgen gegen

Satz

Ist eine Folge mit , so gilt:

Das heißt: Nicht nur für (die natürlichen Zahlen selbst), sondern für jede Folge, die gegen strebt, liefert dieser Ausdruck denselben Grenzwert .

Allgemeiner (29.10.)

Für eine Konstante und gilt:

Beispiel (29.10.): Trick: Zähler und Nenner so umformen, dass zwei Ausdrücke der Form entstehen.

Rezept

ausklammern, kürzen, dann Zähler und Nenner einzeln mit behandeln und die Grenzwertregel für Quotienten (G6) anwenden. Achtung bei : Das ist , nicht .

Beispiele: siehe


6.9 Eine schneller konvergierende -Folge

Die Folge konvergiert recht langsam gegen (Fehler nur in der Größenordnung ). Es gibt deutlich schnellere Alternativen:

Folge über die Fakultätsreihe

Man kann zeigen (hier nicht ausgeführt):

Mit dem Sandwich-Prinzip (siehe 04 Grenzwert und Konvergenz von Folgen, G3) und da sowohl als auch :

Praktische Relevanz

konvergiert in der Praxis viel schneller gegen als — das ist auch der Grund, warum numerische Berechnungen von (und später: der Exponentialfunktion als Potenzreihe) über die Fakultätsreihe und nicht über den Grenzwert-Ausdruck mit der Potenz erfolgen.