1. Aussagenlogik
1.1 Aussagen
Definition: Aussage
Ein Satz, welcher wahr oder falsch ist, bzw. der genau einen der Wahrheitswerte “wahr” oder “falsch” hat. Schreibweisen: w/f, t/f, 1/0
Wichtig: Eine Aussage muss nicht bekanntermaßen wahr oder falsch sein — sie muss nur tatsächlich einen der beiden Wahrheitswerte besitzen (auch wenn wir den Beweis (noch) nicht kennen).
Beispiele:
- “5 ist Primzahl” → wahr
- “4 ist Primzahl” → falsch
- “Jede gerade Zahl > 2 ist Summe zweier Primzahlen” (Vermutung von Goldbach, 1742) → bis heute unbewiesen, aber es ist eine Aussage (sie ist entweder wahr oder falsch, wir wissen es nur nicht)
- “Die Gleichung ist in positiven ganzen Zahlen lösbar” → wahr (z.B. 3,4,5)
- “Für kein ist die Gleichung in positiven ganzen Zahlen x,y,z lösbar” (Vermutung von Fermat, 1640) → wahr (Satz von Wiles, Beweis ist extrem komplex)
- “Die Länder einer Landkarte lassen sich so mit höchstens 4 Farben färben, dass Länder mit gemeinsamer Grenzlinie verschiedene Farben bekommen” → wahr (4-Farbensatz)
Diese Beispiele zeigen: Der Schwierigkeitsgrad des Beweises hat nichts mit der Frage zu tun, ob etwas eine Aussage ist.
1.2 Verknüpfungen von Aussagen
Sind Aussagen, so sind auch folgende Ausdrücke Aussagen:
| Symbol | Name | Sprechweise |
|---|---|---|
| Konjunktion | ”p und q” | |
| Disjunktion | ”p oder q” | |
| Negation | ”nicht p” | |
| Implikation | ”p impliziert q” | |
| Äquivalenz | ”p genau dann, wenn q” |
Wahrheitstabelle:
Merke zur Implikation
ist nur dann falsch, wenn wahr und falsch ist. Insbesondere ist “aus Falschem folgt Beliebiges” — ist falsch, ist immer wahr, unabhängig vom Wahrheitswert von .
Begriffe
- Aussagenlogische Variable: Eine Variable, die den Wert w oder f annehmen kann (z.B. ).
- Aussagenformel: Entsteht ausgehend von aussagenlogischen Variablen durch Verknüpfung mit .
- Belegung: Eine Zuordnung eines Wahrheitswertes (w/f) zu jeder Variable.
- Bei Variablen gibt es genau mögliche Belegungen.
- Wahrheitsverlauf: Beschreibt, welchen Wahrheitswert eine Formel bei jeder der möglichen Belegungen annimmt.
1.3 Tautologie und Kontradiktion
Tautologie
Eine Aussageformel, deren Wahrheitsverlauf konstant wahr ist. Beispiel: — entweder p oder nicht-p ist immer wahr.
Kontradiktion
Eine Aussageformel, deren Wahrheitsverlauf konstant falsch ist. Beispiel: — p und nicht-p können nie gleichzeitig wahr sein.
Beispiel: Kontraposition ist eine Tautologie
Beweis per Wahrheitstabelle:
Da die letzte Spalte nur enthält, ist die Formel eine Tautologie: Die Äquivalenz von Aussage und Kontraposition gilt also immer.
Beispiel: Modus Ponens ist eine Tautologie
Auch hier: letzte Spalte nur → Tautologie. Dies ist das logische Fundament der Schlussregel “Wenn p gilt und p auf q schließen lässt, dann gilt q”.
1.4 Logische Äquivalenz
Definition: Logische Äquivalenz
Zwei Aussageformeln heißen logisch äquivalent, wenn eine Tautologie ist. Schreibweise:
Definition: Implikation (semantisch)
” impliziert ” bedeutet: ist eine Tautologie.
Beispiel: (Kontraposition, s.o.), und impliziert (Modus Ponens, s.o.)
Wichtige Äquivalenzregeln
| Regel | Name |
|---|---|
| Kommutativität | |
| Kommutativität | |
| Distributivgesetz | |
| Distributivgesetz | |
| Assoziativität | |
| Assoziativität | |
| doppelte Negation | |
| De Morgan | |
| De Morgan | |
| Implikation als Disjunktion |
Beweis von De Morgan () per Wahrheitstabelle:
Spalten 4 und 7 stimmen überein → Äquivalenz bewiesen.
Beweis von :
Spalten 3 und 5 stimmen überein → Äquivalenz bewiesen.
Nützliche Folgerung: Negation einer Implikation
Mit De Morgan und lässt sich herleiten:
Merksatz
“p impliziert q” ist genau dann falsch, wenn p wahr und q falsch ist — das deckt sich direkt mit der Wahrheitstabelle der Implikation.
1.5 Übungsaufgaben (Hausaufgabe 1)
Aufgabe 1: Wahrheitstabelle aufstellen
Bestimme den Wahrheitsverlauf von:
Linke Seite:
Rechte Seite:
Gesamtausdruck (Konjunktion beider Seiten):
Ergebnis: Der Ausdruck ist nur wahr für die Belegung .
Aufgabe 2a: Äquivalenz beweisen
Zeige:
Die beiden mittleren Spalten ( und ) stimmen in jeder Zeile überein → Tautologie der Äquivalenz → bewiesen.
Merksatz
“Genau dann wenn” () ist nichts anderes als “Implikation in beide Richtungen” — das ist die Grundlage für die typische Beweistechnik ”⟹” und ”⟸” getrennt zu zeigen (siehe Mengenlehre-Beweise).
Aufgabe 2b: Formeln konstruieren
Gesucht: drei aussagenlogische Formeln (in höchstens den Variablen ), sodass
- für je zwei der drei Formeln eine Belegung existiert, bei der beide wahr sind,
- aber keine Belegung existiert, bei der alle drei gleichzeitig wahr sind.
Lösungsansatz:
Verfeinerung (um alle Paarbedingungen sauber zu erfüllen):
Probe per Wahrheitstabelle:
Man prüft: Es gibt Zeilen mit (z.B. Zeile 3), mit (z.B. Zeile 2) und mit (z.B. Zeile 5), aber in keiner Zeile sind alle drei gleichzeitig 1.
Aufgabe 3: Logikrätsel (Wächter-/Türenrätsel)
3a) Das Prinzip der doppelten Verneinung
Klassisches Rätsel: Ein Wächter lügt immer, der andere sagt immer die Wahrheit. Man darf nur eine Frage stellen, um die richtige Tür zu finden.
Trick: Zwei Lügen ergeben die Wahrheit, zwei Wahrheiten bleiben die Wahrheit. Also fragt man:
“Wenn ich dich fragen würde, welche Tür zum Ausgang führt, welche würdest du mir zeigen?”
- Der Wahrheitssager würde (gedanklich) zweimal die Wahrheit sagen → zeigt die richtige Tür.
- Der Lügner würde eigentlich lügen, muss aber bei dieser verschachtelten Frage das Gegenteil seiner Lüge angeben → zeigt ebenfalls die richtige Tür.
Dies ist die aussagenlogische Anwendung von : Die doppelte Verneinung hebt sich auf.
3b) Erweiterung auf drei Wächter
Ein Wächter kann zusätzlich zufällig antworten (weder reiner Lügner noch reiner Wahrheitssager).
- Frage an Wächter A: “Wenn ich dich fragen würde, ob B ein zufälliger Wächter ist, was würdest du antworten?”
In jedem Fall identifiziert die Antwort einen garantiert nicht-zufälligen Wächter (entweder reinen Lügner oder reinen Wahrheitssager).
- Frage an den als sicher identifizierten Wächter, mit dem Trick aus 3a:
Auf eine Tür zeigen und fragen: “Wenn ich dich fragen würde, ob diese Tür sicher ist, was würdest du mir antworten?”
- Antwort “Tür ist sicher” → diese Tür nehmen.
- Antwort “Tür ist nicht sicher” → die andere Tür nehmen.