5. Fundiertheit, geordnete Paare und Produkte
Voraussetzung: 03 Mengenlehre - Grundlagen und Axiome (Paarmengenaxiom, Potenzmenge)
5.1 Fundiertheitsaxiom
Fundiertheit
Zu jeder nichtleeren Menge existiert ein Element mit . Man sagt dann: und sind disjunkt (allgemein: zwei Mengen heißen disjunkt, falls ).
Dieses Axiom verhindert “zirkuläre” Mengen — also Mengen, die sich selbst (direkt oder über Umwege) als Element enthalten.
Folgerung 1: Keine Menge enthält sich selbst
Folgerung aus der Fundiertheit
für jede Menge .
Beweis (Widerspruch): Annahme: . Die Menge (existiert nach dem Paarmengenaxiom) ist nicht leer. Wegen der Fundiertheit muss ein zu disjunktes Element enthalten — da das einzige Element von ist, kann nur dieses disjunkte Element sein.
Aber: ist nicht disjunkt zu , denn nach Annahme () und Wahl von () gilt — also ist . WIDERSPRUCH zur Fundiertheit.
Folgerung 2: Keine zyklischen Elementbeziehungen
Auch (für zwei Mengen ) tritt nicht ein.
Beweis: Die Menge muss (nach Fundiertheit) ein zu disjunktes Element enthalten. Wäre , so kann dieses disjunkte Element nicht sein, denn (da nach Annahme und trivial) — also wäre nicht disjunkt zu . Aber enthält nur und als Elemente — wenn nicht das disjunkte Element sein kann, müsste es sein. Durch symmetrisches Argument (mit und vertauscht) scheitert auch das. WIDERSPRUCH.
Allgemein gilt: Es gibt keine Menge mit
Intuition
Die Fundiertheit sorgt dafür, dass die -Beziehung “nach unten terminiert” — man kann nicht endlos (oder zyklisch) immer tiefer in Elemente von Elementen absteigen. Das ist die mengentheoretische Grundlage dafür, dass Induktion und Rekursion überhaupt wohldefiniert sind.
5.2 Geordnete Paare nach Kuratowski
Bisher kannten wir nur ungeordnete Paarmengen (mit ). Für viele Zwecke (z.B. Koordinaten, Relationen, Funktionen) braucht man aber geordnete Paare, bei denen Reihenfolge zählt.
Definition: Geordnetes Paar (Kuratowski)
Für zwei Mengen definiert man:
Diese Definition baut ausschließlich auf dem Paarmengenaxiom auf — es wird kein neues Axiom benötigt, um geordnete Paare einzuführen.
Warum ist das eine sinnvolle Definition?
Entscheidend ist, dass geordnete Paare die erwartete Eigenschaft erfüllen:
Beweis ”⟸”: Trivial — wenn und , dann ist einfach durch Einsetzen.
Beweis ”⟹”: Gelte , also . Da beide Mengen genau zwei “Top-Level”-Elemente haben müssen ( bzw. links, bzw. rechts), gibt es zwei Fälle, wie diese Elemente sich einander zuordnen können:
Fall 1: (mit eingesetzt) . Also . ✓
Fall 2: , also . Das ist aber genau die in 5.1 ausgeschlossene zyklische Beziehung — WIDERSPRUCH zur Fundiertheit. Fall 2 kann also nicht eintreten.
Damit bleibt nur Fall 1 übrig, und die Behauptung ist bewiesen. ∎
Warum ist das wichtig?
Dieser Beweis zeigt, wofür die Fundiertheit aus 5.1 tatsächlich gebraucht wird: Ohne sie könnte man nicht ausschließen, dass “entartete” Paare wie in Fall 2 echte, unterschiedliche geordnete Paare erzeugen, die trotzdem gleich aussehen. Die Fundiertheit garantiert also, dass die Kuratowski-Definition wohldefiniert und eindeutig ist.
Man kann (muss hier aber nicht im Detail ausführen) ein Prädikat formulieren, das genau dann wahr ist, wenn gilt — damit ist das geordnete Paar vollständig in der Sprache der Mengenlehre ausdrückbar.
5.3 Kartesisches Produkt
Definition: Kartesisches Produkt
Für zwei Mengen ist die Menge aller Paare mit und :
Warum ist überhaupt eine “gesicherte” Menge?
Diese Frage ist wichtig, weil man (wie in Kapitel 3 gelernt) nicht einfach “alle Paare mit dieser Eigenschaft” als Menge postulieren darf — man muss zeigen, dass sie sich aus bereits gesicherten Mengen aussondern lässt.
- Ein Paar besteht aus einem Element und einer Teilmenge von , d.h. einem Element von .
- Das Paar ist also selbst eine Teilmenge von (seine beiden “Bestandteile” liegen jeweils dort), also ein Element von .
- Folglich lassen sich alle Paare mit aus der (bereits gesicherten) Menge aussondern.
Damit ist nach dem (korrigierten) Aussonderungsschema aus Kapitel 3 eine legitime Menge.
Beispiel:
Mengen der Form heißen auch Rechteckmengen.
Tripel, Quadrupel und das große Mengenprodukt
Aus geordneten Paaren lassen sich rekursiv höhere Tupel konstruieren: usw. Die entsprechenden Mengen aller Tripel, Quadrupel etc. werden analog mit usw. bezeichnet.
Großes Mengenprodukt
Für eine Familie von Mengen ist das große Mengenprodukt definiert durch:
Die Idee: Ein Element des großen Produkts ist eine Funktion, die jedem Index ein Element aus “seiner” Menge zuordnet — das verallgemeinert das Tupel-Konzept auf (eventuell unendlich viele) Faktoren.
Dieses Konzept wird in 06 Relationen gebraucht, wo Relationen als Teilmengen von definiert werden.